Die Kaiserin von Suzhou

»Hong« bedeutet »Rot«. Viel hat mir Hong über ihre Geburt bisher nicht erzählt, aber die Farbe Rot war zum damaligen Zeitpunkt, als ihre Eltern noch als Beamte und Parteimitglieder für die chinesische Regierung gearbeitet hatten, sehr bedeutend und wurde daher mit dem Namen ihrer Tochter verewigt.

Im Moment bin ich als Kostenreduzierer im Einkauf bei der Firma Schluckauf eingestellt, die in Shanghai, Taicang und Anting agiert, und habe einen üblichen lokalen Arbeitsvertrag wie die hier lebenden Chinesen auch. Aber ich war clever und habe neben der Übernahme der Wohnungsmiete auch einen Mittelklassedienstwagen von Shanghai-Volkswagen mit Chauffeur herausgehandelt, mit der Begründung, mich dann besser auf meine Arbeit konzentrieren zu können. Um selbst in China ein Fahrzeug lenken zu dürfen, muss man extra einen chinesischen Führerschein machen, denn weder der deutsche noch ein internationaler Führerschein gelten hier. 

Da ich vor sechs Jahren den chinesischen Führerschein gemacht habe – bei Vorlage des deutschen Führerscheins wird übrigens nur die Theorie-Prüfung verlangt –, weiß ich, dass die Prüfungsfragen den deutschen sehr ähnlich sind, aber dennoch unterscheiden sich die Verkehrsregeln. Den Arbeitgebern ist das bewusst, und da sie ihre Mitarbeiter lieber bei der Arbeit in ihren Firmen als bei langwierigen Diskussionen mit den chinesischen Behörden sehen, akzeptieren sie solche extravaganten Wünsche. Als Ausländer in China muss man wissen, dass man nicht nur bei einem Unfall, sondern auch bei generellem Kontakt mit der Polizei meist auf sich alleine gestellt ist, was sich durch sprachliche Hürden oft als sehr zeitintensiv erweist.

Als Hong vor ein paar Tagen zu ihren Eltern nach Suzhou gefahren war, war ich noch unterwegs gewesen. Die Stadt Suzhou mit ihren etwa zehn Millionen Einwohnern liegt ungefähr zwei Busstunden westlich von Taicang in der Nähe des drittgrößten Binnensees der Volksrepublik mit dem Namen Tai-See und wird wegen ihrer vielen Kanäle auch liebevoll »Venedig des Ostens« genannt. Die gute Anbindung durch Schnellzüge, Autobahn und Kaiserkanal lässt Suzhou in der Riege der schnellwachsenden Städte des modernen Chinas, den sogenannten Boomtowns, mitspielen. Auch im Ranking um die ältesten Städte im Yangtze-Becken steht diese Stadt mit ihrer mehr als zweitausendfünfhunderjährigen Geschichte recht weit oben und gilt als Wiege der Wu-Kultur, die mit der Gründung der Stadt durch den legendären König Helu von Wu begann. Gern erinnere ich mich an die fantasievolle Geschichte, die meine Frau mir mal erzählt hat, denn ihr Familienname ist Wu und sie nimmt diese Zusammegehörigkeit als Anlass, sich als Kaiserin von Suzhou zu bezeichnen.